Von Anne
Winzerin im Wallis.
30/01/2026

Von Anne
Winzerin im Wallis.
30/01/2026
Man hört oft, dass Wein „nach Stein schmeckt». Kalk, Ton, Vulkan … Prägen Böden wirklich, was wir im Glas haben ? Ja – aber nicht so, wie man es sich vorstellt. So formt der Boden unter unseren Füßen Frische, Textur und Energie eines Weins – ganz ohne Magie, nur mit Wasser, Wärme und Zeit.
Kalkböden drainieren gut und halten zugleich etwas Feuchtigkeit. Ergebnis: Der Rebstock steht unter genau so viel Stress, dass er konzentrierte Trauben hervorbringt, ohne Übertreibung. Die Weine gewinnen an Spannung, mit klarer Säure und einem salzigen Mundgefühl. Kein Salz im Glas, sondern dieses leichte Gefühl von Länge am Gaumen.
Bei Weißweinen denken Sie an geradlinige, zitrische Profile, fast „kreidig». Bei Rotweinen feines Tannin, ein festes, aber elegantes Gerüst. An gut exponierten Hängen entstehen schlanke, langgezogene Weine, die selbst am Tisch nicht beschweren. Ideal zu Ziegenkäse, gegrilltem Fisch oder auch zu Raclette, wenn man die Frische mag, die den Bissen belebt.
Ton speichert Wasser und hält die Kühle. Der Rebstock wächst dort komfortabler, die Reife setzt etwas später ein, und der Wein gewinnt an Breite. Man spricht von Stoff, Fleisch, einem volleren Mundgefühl. Die Farben sind bei Rot oft tiefer, die Tannine präsenter, aber rund.
Auf Ton erwarten Sie reifere Aromen, dunkleres Fruchtbild, eine samtige Textur. Perfekt zur Schmorküche, zu Brathuhn oder zu Gerichten mit Sauce. Das Gleichgewicht spielt dann mehr über Genuss und Schmelz als über Strenge.
Basalt, Tuff, Puzzolan … Diese gut drainierenden Böden erwärmen sich schnell und ergeben nervöse, straffe Weine mit fast elektrischer Energie. Man findet bisweilen einen rauchigen Hauch, Noten von trockenem Kraut und ein sehr appetitliches „salziges» Gefühl. Nicht spektakulär durch Kraft, sondern durch Präzision.
Beim Weißwein überzeugt die knackige Geradlinigkeit, beim Rotwein steht Finesse über Muskelkraft. Am Tisch liebt das Meeresfrüchte, gegrilltes Gemüse und mediterrane Küche. Denken Sie an Weine, die den Speichelfluss anregen und zum nächsten Schluck einladen.
Auf der Weinkarte oder dem Etikett geben manche Hinweise Orientierung – ganz ohne Jargon. Achten Sie auf die Angabe des Bodentyps, wenn sie vorhanden ist, oder denken Sie an Regionen, die für ihren geologischen Fingerabdruck bekannt sind.
Behalten Sie im Kopf, dass dies Leitlinien sind, keine starren Schubladen: Jahrgang und Hand des Winzers/der Winzerin schärfen das Bild.
Exposition (Ausrichtung), Höhe, Rebalter, Witterung des Jahrgangs und Entscheidungen im Keller wiegen ebenso schwer wie das Muttergestein. In einem heißen Jahr kann ein Chardonnay auf Kalk zu reif ausfallen, oder ein Rotwein von Ton überraschend frisch, wenn die Parzelle schattig liegt. Terroir ist ein Orchester; der Boden ist eines der Instrumente.
Der beste Test ? Kosten Sie dieselbe Rebsorte auf unterschiedlichen Böden. Ein einfaches Trio für einen Entdeckungsabend: ein Weißer auf Kalk, ein weiterer auf Ton, ein dritter auf Vulkanböden. Drei Gläser, ein geselliges Gericht in der Mitte des Tisches – und Sie werden sehen: Der Boden spricht – klar, ganz ohne komplizierte Rede.